Ich gehe nirgends hin. Alltagsrassismus und die ‚Rage‘ in Zivilcourage.

Äquidistanz heißt für mich, sich gleichmäßig über die meisten Gruppen von Menschen aufzuregen. Das hat zuweilen seinen Preis. Ein kurzer Einblick in ein mühsames Projekt.

Zielgruppen des Zorns sind: Alte Männer, die in der Straßenbahn junge Buben anpflaumen. Junge Männer, die alten Frauen eine Zeitung verkaufen wollen und dafür körperliche Nähe für eine gewinnbringende Strategie halten. Kellner, die wiederum diese jungen Zeitungsverkäufer grob des Lokals verweisen, damit sich die Wiener Kaffeetrink-Elite nicht in ihrer Mozartkugelseligkeit gestört fühlen muss (zuletzt im Café Prückel. Euren Apfelstrudel könnt ihr behalten).

Das klingt auf ersten Blick vielleicht banal, aber genau das ist der Punkt: Es geschieht täglich. Bei solchen Ereignissen werde ich – elegant gewendet – unrund, laut und mache große Gesten.

Was dann passiert ist, Folgendes: Die Reaktionen sind etwas österreichisch. Und sie haben System.

Geh da hin, wo du hergekommen bist

Erstens: Man schätzt mich zwei Augenblicke ab, und zieht Bilanz: Jung, weiblich, dunkler Teint, kann über hektisches Gefuchtel hinaus kaum handgreiflich werden. Dann: Luftholen, und eine Suada an Beschimpfungen, in denen jedenfalls immer an prominenter Stelle vertreten ist, ich solle mich, wenn es mir nicht passe, doch gefälligst in das Land zurückbewegen, aus dem ich hergekommen bin. Meistens habe ich weder Zeit, noch Nerven dem erbosten Gegenüber darzulegen, dass dieses Hier nicht nur durchaus das ist, wo ich herkomme, sondern darüber hinaus völlig irrelevanterweise urplötzlich Gegenstand seiner Argumentation. Ich glaube, es war Eva Menasse (in ihrem großartigen und empfehlenswerten Buch „Quasikristalle“), die den Begriff „Migrationsvordergrund“ geprägt hat, und auch bei mir passt er trefflich: Ich kenne – leider! – aus erster Hand nur diese Kultur, bin hier geboren, habe Kindergarten, Schule und Universität besucht, in einem Wiener Bezirk, der gemeinhin als Insel gilt. Ich wurde „Tschuschenkind“ geheißen und möchte nicht, dass irgendein Kind solchen Stumpfsinn zu hören bekommt. Solche Erfahrungen verursachen aber auch etwas auf der anderen Seite: Sie erzeugen ein Sensorium für Ungerechtigkeit – in solchen Situationen nicht in die Bresche springen? Keine Option.

Allerdings, mit Rhetorik ist da nichts zu holen, Eloquenz hätte noch nie einen Wut-Straßenbahnfahrer davon überzeugt, dass er gerade keinen Mexican standoff mit seinem personifizierten Klischee des bildungsfernen Krawall-Ausländers hätte. Die Büchse der Pandora ist offen, ihr Inhalt eine krude Mischung aus Ressentiments, Ignoranz, Gehässigkeit und Angst. So weit, so frustrierend.

Zweitens: Ich stehe immer alleine da. Man kann die lautstarken Grundsatzdebatten, die da ausgetragen werden, unmöglich überhören. Ignorieren kann man sie hingegen hervorragend. Und das ist der eigentlich ernüchternde Punkt der Geschichte. Im melting pot Straßenbahn und Supermarkt sind sämtliche soziologische Einheiten vertreten. Darunter keine einzige, die ihre Stimme gegen so alltäglichen, heimtückisch gebrauchten und unverblümt geäußerten Rassismus erheben würde. Weil es bequemer ist, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen und Sachen „gut sein zu lassen“, die grundlegend schlecht sind. Die Worte hängen widerspruchslos in der Luft, die für eine sachliche Auseinandersetzung zu dick geworden ist.

Geh bitte, sagt meine Mutter. Geh lass es, sagen meine Freunde. Ich gehe aber nirgends hin.

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3 Gedanken zu “Ich gehe nirgends hin. Alltagsrassismus und die ‚Rage‘ in Zivilcourage.

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